Auditive Wahrnehmungsstörung

A. Können Sie den Gesang einer Lerche von dem einer Amsel oder einer Meise unterscheiden?
B. Können Sie bei klassischer Musik ein Buch  lesen?
C. Wissen Sie beim Wetterbericht noch, was Sie gerade in den Nachrichten gehört haben?


Vögel interessieren Sie nicht, sie mögen keine klassische Musik und die Nachrichten lesen Sie in der Zeitung?

 

 

Für diese Momente können Sie auf Ihre Fähigkeit der auditiven Differenzierung (A), Hemmung (B) und Merkfähigkeit (C) verzichten.
Für die erfolgreiche Wahrnehmung, Verarbeitung und Speicherung von Hör-erlebnissen sind sie jedoch unverzichtbar.

Sind die genannten Fähigkeiten unzureichend ausgebildet, liegt häufig eine Störung der Wahrnehmung und Verarbeitung auditiver Reize vor.
Kinder mit auditiver Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS)
müßten alle drei Fragen mit „nein“ beantworten. Ihnen fällt es schon schwer den Hahnenschrei vom Kuckuskruf zu unterscheiden, ein Buch zu lesen, wenn die Spülmaschine leise brummt oder sich drei Wörter in Folge zu merken. Man geht heute davon aus, dass mehr als 3% der Kinder unter AVWS leiden.
Die Ohren eines Kindes mit AVWS funktionieren meist genauso gut wie die jedes normalhörenden Menschen. Jedoch werden die akustischen Impulse nicht korrekt an das Gehirn weitergeleitet, verarbeitet oder gespeichert.

 

Kinder mit AVWS können nicht, wie Normalhörende zuordnen, aus welcher Richtung oder von welcher Quelle ein Geräusch kommt. Ihnen fällt es schwer, aus der Vielfalt von akustischen Reizen das für sie wichtige herauszufiltern und alles Unwichtige auszublenden. Ähnliche Laute können sie nicht voneinander unterscheiden und die Reihenfolge von Lauten nicht ausreichend lange abspeichern. Aus Mangel an erfolgreichen Hörerfahrungen weist ihr Gedächtnis zu wenig Daten auf, auf die sie zurückgreifen können, um sie mit neuen Hörerlebnissen abzugleichen.

 

Aus diesem Grund reagieren diese Kinder oft ungewöhnlich auf Geräusche und Klänge. Zum Beispiel zeigen sie Ablehnung und Unbehagen in einer Umgebung, in der sie mit einer Summe von verschiedenen akustischen Reizen konfrontiert werden (z.B. Bahnhof, Kindergarten). Sie sind leicht ablenkbar und unterbrechen z.B. ihr Spiel oder ihre Tätigkeit, wenn im Raum jemand spricht oder draußen ein Auto vorbeifährt. Dadurch können sie sich auf Handlungen nicht ausreichend konzentrieren und diese nicht erfolgreich zu Ende führen. Kinder mit AVWS wirken oft unruhig und unausgeglichen.

 

Durch ihre eingeschränkte Fähigkeit Laute zu unterscheiden und ihre Reihenfolge korrekt abzuspeichern, wird Sprache ungenau wahrgenommen und verarbeitet. Es kann zu Artikulationsstörungen und zu einem verzögerten Wortschatzaufbau kommen. Das sichere Analysieren und Lokalisieren von
gehörten Lauten ist zudem Grundlage für den Lese- und Schreiblernprozess. Damit fehlt ihnen die Basis für Schreiblerntechniken bei denen zunächst das richtige Hören zum Schreiben führt.

 

Folgende Ursachen können unter anderem zu einem ernstzunehmenden Hörerfahrungsdefizit führen:

 

mangelnde Reizanregung
Reizüberflutung
Erkrankungen, bei denen das Mittelohr nicht ausreichend belüftet wird (Paukenergüsse, nach Atemwegsinfekten, Polypen etc..)
Komplikationen während der Schwangerschaft oder Geburt

 

Häufig lässt sich die Ursache nicht eindeutig klären.
Um eine periphere Hörstörung als Ursache auszuschließen, sollte der behandelnde Arzt einen Hörtest veranlassen.

 

Die kindliche Hörwahrnehmung unterliegt einem Reifungsprozess, der nicht mit Schulbeginn abgeschlossen ist. Bei sinnvoller Förderung können Defizite in diesem Bereich noch in erstaunlichem Maße aufgefangen werden und so mit dem Kind eine Lernbasis erarbeitet werden.
Um das zu erreichen, bedarf das Kind sowohl der Hilfe der Eltern, als auch logopädischer Behandlungsmaßnahmen.
Eltern können ihre Kinder unterstützen, indem sie ein gutes sprachliches Vorbild sind, deutlich sprechen und sich dabei dem Kind zuwenden, Störgeräusche vermeiden (Radio, TV, Musik etc.) und die auditive Aufmerksamkeit trainieren (z. B. durch Vorlesen, Hörmemory, Spiele mit Höranregung).

 

Die logopädische Behandlung richtet sich nach der Entwicklungsreihenfolge der auditiven Wahrnehmung und umfasst folgende Bereiche:

 

Förderung der Aufmerksamkeit für Geräusche, Klänge und Sprache
Figur-Hintergrund-Wahrnehmung (Wahrnehmen wichtiger Schall-ereignisse trotz störender Hintergrundgeräusche)
Lokalisation (sicheres Orten einer Geräuschquelle)
Merkfähigkeit (Speicherung einer bestimmten Anzahl von Schallereignissen und sprachlichen Reizen)
Differenzierung (Unterscheiden verschiedener Geräusche, Klänge und Laute)
Analyse (Heraushören und Erkennen bestimmter Laute)
Ergänzung und Synthese (Erkennen der Position der Laute im Wort und der Worte im Satz)

 

Wenn die Lerche dann nach Vogel klingt, Musik hören entspannend wirkt und wichtige Informationen abgespeichert werden können, hat das Kind eine gute Grundlage für die Weiterentwicklung seiner auditiven Wahrnehmung und kann sich sicherer in unserer akustisch oft überladenen Umwelt orientieren.