Newsletter Sprachentwicklungsstörung

„Oooh, ein Unfall!!!“ Die Eisenbahn ist entgleist... Der Rettungswagen kommt und bringt die Verletzten ins Krankenhaus. Während seine Altersgenossen diese Episode spielen, sitzt Michel (3J) abseits und versucht, Eisenbahnwagen aneinander zu reihen. Auch sprachlich hängt Michel seinen Altersgenossen hinterher. Während sie schon ganze Sätze aus mehreren Wörtern bilden, spricht Michel kaum ein Wort. - Er hat die Sprache noch nicht für sich entdeckt.

 

 

 

Bevor ein Kind Sprache in ihrer repräsentativen und kommunikativen Funktion entdecken kann, muss es bestimmte Entwicklungsschritte durchlaufen. Die bekannte Schweizer Logopädin Barbara Zollinger spricht von wichtigen nichtsprachlichen Kompetenzen, die Voraussetzung für eine störungsfreie Sprachentwicklung sind und in engem gegenseitigem Zusammenhang stehen. Hiermit treten neben den linguistischen Fähigkeiten bei der Diagnostik und Therapie von sprachentwicklungsgestörten Kindern entwicklungspsychologische Aspekte in den Vordergrund.

Praktisch-gnostische Kompetenzen:

Bis ins Alter von 18 Monaten beschäftigt sich ein Kind zunächst mit dem Erkunden der Eigenschaften und Funktionen von Gegenständen und übt sich im Umgang mit ihnen. Erst hierdurch entwickelt es eine Vorstellung von den Dingen seiner Umgebung: Ein Deckel ist zum Öffnen und Schließen, ein Bilderbuch ist zum Blättern da und ein Stift, um ihn über das Papier zu führen. Der Gegenstand ist noch eng mit der dazu gehörigen Handlung verknüpft. Dass die Bilder im Bilderbuch repräsentativ für die dargestellten Dinge sind, erkennt das Kind erst später und beachtet Abbildungen bis dahin nicht.

 

Symbolische Kompetenzen:

Mit etwa eineinhalb Jahren entwickeln Kinder die Fähigkeit, das Ergebnis des eigenen Handelns zu beachten und ihm Bedeutung zu geben. So ist das Kind in der Lage, sich in seinem Handeln auf vorher gemachte Erfahrungen und auf nicht konkret Vorhandenes zu beziehen. Beispielsweise stellt das Kind beim Malen mit dem Stift fest, dass der Strich wie eine Schlange aussieht. Der Strich symbolisiert eine Schlange. Oder es „tut als ob“ der Bauklotz ein Handy sei. Das Kind beachtet das Ergebnis seines Blätterns im Bilderbuch: ein neues Bild erscheint. Erst jetzt lenkt es seine Aufmerksamkeit auf das Bild und kann es in Beziehung zu ihm Bekannten setzen und eine lebendige Vorstellung hierzu abrufen. Die Erkenntnis, dass etwas repräsentativ für etwas anderes sein kann, ist wesentlich für die Sprachentwicklung. Auch ein Wort ist repräsentativ für den Gegenstand oder die Person, die es benennt.

Sozial-kommunikative Kompetenzen:

Hier zeigt sich, inwieweit das Kind sich selbst und andere wahrnimmt und mit seinen Bezugspersonen in Kontakt tritt. Im ersten Lebensjahr nimmt sich das Kind als Einheit mit seiner engen Bezugsperson wahr. Erst mit dem Fortschreiten seiner motorischen Entwicklung kann es die Distanz zur Mutter selbst bestimmen und erkennt beim Erkunden seiner Umgebung, dass die Mutter manchmal andere Absichten hat als es selbst. Es nimmt sich zunehmend als eigenständiges Individuum mit eigenen Wünschen, Gefühlen und Fähigkeiten war. Erst mit ca. zwei Jahren ist die Individuationsentwicklung soweit fortgeschritten, dass sich das Kind im Spiegel erkennt und sich selbst beim Namen nennt oder später „ich“ sagt.

Sprachliche Kompetenzen:

Basis jeder Kommunikation ist eine Dreieckssituation. Sprache kommt von einer Person, ist an ein Gegenüber gerichtet und bezieht sich auf einen (Gesprächs-) Gegenstand. Im ersten Lebensjahr kann das Kind dieses Dreieck noch nicht herstellen. Es richtet seine Aufmerksamkeit entweder auf die Person oder auf den Gegenstand. Mit zwölf bis achtzehn Monaten nimmt das Kind, wenn es sich mit einem Gegenstand beschäftigt, immer wieder Blickkontakt zur Bezugsperson auf und vermittelt damit seine Erwartung einer Reaktion von seinem Gegenüber. Mit diesem Blick scheint es zu fragen: „Was meinst Du dazu?“. Da das Kind mit diesem Blick das Dreieck ICH-DU-GEGENSTAND herstellt, wird er als „triangulärer Blickkontakt“ bezeichnet. Wir reagieren auf diesen Blick meist mit einem Kommentar zu dem gezeigten Gegenstand und das Kind beginnt selbst erste Lautmalereien und Wörter dazu zu äußern. Die ersten Worte und das erste Sprachverständnis sind allerdings noch an Raum und Zeit gebunden. Erst gegen Ende des zweiten Lebensjahrs, wenn das Kind erste Vorstellungen aufbaut und sich als selbständige Person wahrnimmt, braucht und verwendet es Sprache, um Absichten oder Gefühle mitzuteilen.

Doch was passiert, wenn dies nicht geschieht?
Fast jedes Kind fängt irgendwann an zu sprechen. Auch das Kind, dass beim Erwerb der beschriebenen Kompetenzen in bestimmten Phasen verharrt und sich nicht weiterentwickelt, kann Dank seiner zunehmenden kognitiven Fähigkeiten Gesprochenes kopieren ohne Sprache in seiner Komplexität und Flexibilität zu entwickeln. Es verwendet einzelne Wörter und satzähnliche Phrasen, ohne in der Lage zu sein, Sprache aktiv und kreativ zu konstruieren. Es spricht, hat aber die Sprache nicht entdeckt. Kinder, die diese wichtigen Schritte nicht vollziehen, sind in ihrem Sprachverständnis eingeschränkt, sprechen dysgrammatisch und können ihre sprachlichen Fähigkeiten nicht durch gezielte Fragen erweitern. Schlechte Voraussetzungen, mit der Schriftsprache ein weiteres Symbolsystem zu erlernen und in der Schule meist verbal vermittelte Inhalte zu verarbeiten und abzuspeichern.

Michel gelingt es, zwei Eisenbahnwagons aneinander zu hängen. Er sucht den Blickkontakt zum/r Erzieher/in und sagt: „Da, Zug!“
Verfasser:
Annette Wingenbach (Dipl. Sprachheilpädagogin)
Britta Münzer (Heilpraktikerin Sprachtherapie,  Dipl. Sprachheilpädagogin)