Newsletter Wachkoma

„Die Augen sind geöffnet. Andreas scheint wach zu sein, doch er starrt nur an die Decke, bewegt sich nicht, redet nicht. Es scheint, als wäre er gar nicht da – abwesend – ganz weit weg. Er liegt im Koma – im sogenannten Wachkoma. Bei einem Verkehrsunfall erlitt der heute 20-jährige unter anderem schwere Kopfverletzungen.“
Pro Jahr fallen nach Schätzungen des Bundesverbands für Schädel-Hirnpatienten in Not e.V. etwa 40.000 Menschen in Deutschland aufgrund schwerster Schädel-Hirnverletzungen ins tiefe Koma.

 

 

50% dieser Menschen erwachen entweder sofort wieder oder versterben. Die anderen 50% verharren anschließend im sogenannten Wachkoma, oft für Monate, manchmal gar für Jahre.

Wachkomapatienten haben eine normale Lebenserwartung. Doch niemand weiß, ob und wann sie aus den tiefen Abgründen des Bewusstseins wieder auftauchen. Im Wachkoma oder apallischen Syndrom können die meisten Betroffenen nicht essen, nicht trinken und kaum bis gar nicht kommunizieren. Dennoch haben sie einen Schlaf-Wach-Rhythmus und manche reagieren auch auf Reize. Menschen, die täglich mit Wachkomapatienten umgehen, berichten von Veränderungen in der Mimik, der Atmung der Körperspannung oder Körpertemperatur, die als Reaktion auf Reize, Personen und Situationen eingeordnet werden können.

Pflege und Therapien bilden einen wichtigen Faktor im Leben von Menschen im und nach dem Wachkoma. Eine in dieser Hinsicht gute Versorgung ist Voraussetzung für ein „Herausarbeiten“ aus dem Wachkoma. Auch während des Wachkomas bilden sie die Grundlage, eine Verschlechterung zu verhindern und eine Lebensqualität zu sichern, die unter den gegebenen Umständen die bestmögliche ist.

Therapie und Pflege werden oftmals als getrennte Bereiche verstanden, sie stehen jedoch, insbesondere in der Langzeitversorgung, in einem engen Zusammenhang. Erfolge wird man eher erzielen, wenn hier eine gute interdisziplinäre Zusammenarbeit stattfindet. Das bedeutet, dass ursprünglich therapeutische Techniken in den Pflegealltag übergehen. Dazu gehört beispielsweise Lagerung nach Bobath, Basale Stimulation, therapeutische Mundpflege und assistiertes Essen.

Vorrangiges Ziel der Ergotherapie im Bereich der Neurologie und insbesondere bei der Behandlung von Menschen im Wachkoma ist die Steigerung der Vigilanz (Wachheit).
Des weiteren gilt es, die physischen, psychischen und kognitiven Fähigkeiten zu verbessern. Bei positiver Entwicklung ist es durchaus möglich, den Patienten für ein betreutes Wohnen und ein weitestgehend selbst bestimmtes Leben vorzubereiten und ggf. therapeutisch zu begleiten.

Mit dem Ziel der Steigerung der Wachheit und dem Erhalt oder der Verbesserung der Lebensqualität können in der ergotherapeutischen Behandlung und Begleitung von Wachkomapatienten folgende Methoden eingesetzt werden:

Basale Stimulation
Reize auf verschiedenen Wahrnehmungskanälen, z.B. somatische, vestibuläre und vibratorische Anregung anbieten. Hinzu können orale, auditive, taktil/haptische, olfaktorische und visuelle Angebote kommen, die dem Patienten helfen, ein elementares Körperselbstbild, eine elementare Raum-Zeit-Orientierung aufzubauen und Beziehung zu seiner Umwelt aufzunehmen.

Führende Bewegungen nach Affolter
Verbesserung der Wahrnehmung zwischen Körper und Umwelt

Übungen / Training der Grob- und Feinmotorik
z.B.: Übungen zur Verbesserung der Greiffunktionen und zur Erweiterung des Bewegungsausmaßes

FOTT (Therapie des facio-oralen Traktes)
mundmotorische und taktile Stimulation, Mundhygiene;
insbesondere in Zusammenarbeit mit Logopädie und Pflege


Nach dem Wachkoma (post appalisches Syndrom) können zusätzliche Maßnahmen eingesetzt werden:

Hilfsmittelversorgung
z.B. Griffverdickungen, Tellerranderhöhungen

Interaktive Gruppen
z.B. Koch- und Frühstücksgruppen

Assistiertes Essen
Speziell auf den jeweiligen Patienten abgestimmte Hilfestellung während des Essens (in enger Zusammenarbeit mit Physiotherapie, Logopädie und Pflege)

„Jeder Fortschritt, auch wenn er vielleicht sehr klein erscheint, kann für den Patienten sehr viel bedeuten und die Qualität seines Lebens wesentlich erhöhen. Wir dürfen deswegen nicht aufgeben – die Patienten geben nie auf, auch wenn der Weg unendlich lang sein mag und die anspruchsvolle Arbeit sehr lange dauert.“ Patricia Davies

Verfasserin: Sarah Steingießer, Diplom Ergotherapeutin